DER LANGE MARSCH ZUR MACHT - DIE GRÜNEN (AT)
Wer hätte wohl gedacht, dass ein grüner Spitzenpolitiker eines Tages ganz selbstverständlich das politische Vermächtnis von Helmut Kohl beschwört, ohne dass es Proteste und Pfeifkonzerte gibt, ohne dass es überhaupt jemanden wundert?
Und doch ist dies zu Beginn des Superwahljahres 2011 ganz normal. Denn die Grünen sind kein Bürgerschreck mehr, sie sind für alle da! Auch das bürgerliche Lager braucht keine Angst mehr vor ihnen zu haben, sogar CSU-Politiker laufen zu den Grünen über! Die Umfragewerte haben sich zum Teil verdoppelt und die grüne Partei ist Favorit bei zwei Landtagswahlen. Die Parteispitzen Claudia Roth und Cem Özdemir verkünden feierlich, dass die deutsche Mittelschicht jetzt grün ist.
Die früheren SpinnerInnen, Hipppies und BolschewistInnen sind in drei bewegten Jahrzehnten entweder auf der Strecke geblieben oder sie haben sich anständig angezogen und sind vernünftig, sind erwachsen geworden. Aus den wilden Grünen sind die milden Grünen geworden. Früher waren sie extrem, heute schon auch bequem. Grüne Spitzenpolitiker fahren in Dienstlimousinen umher, sitzen in Vorständen von Konzernen, nehmen zur Not auch mal den Heli, um zu einer Fernsehaufzeichnung zu fliegen, und wenn sie aus der Politik ausscheiden, dann gründen sie Consulting -Unternehmen. Und die Basis muckt nicht mehr.
Keine öffentlich geführten, zermürbenden Diskussionen, kein dogmatischer Pazifismus, kein erbitterter Widerstand gegen den Atomstaat, kein penetranter Feminismus – die alten grünen Prinzipien und Ideale werden in der Partei nur noch in homöopathischen Dosen aufgetischt - wenn es gut aussieht ein bisschen anders zu erscheinen als die anderen Parteien, wie etwa bei dem Protest gegen „Stuttgart 21“.
Was also ist aus dem Erbe der Grünen geworden? Was ist aus einer Partei geworden, die sich in ihren Anfängen nur widerwillig als Partei bezeichnen ließ und mit dem Anspruch antrat, das politische System der Bundesrepublik von innen heraus grundlegend zu verändern? Die den Atomstaat sofort abschaffen wollte, die eine Beteiligung an kriegerischen Auseinandersetzungen kategorisch ablehnte, die für radikalen Umweltschutz eintrat und den Bundestag aufmischte?
Die Grünen haben Geschmack an der Macht gefunden. Sie sind das, was ihnen enttäuschte Weggefährten schon zu Beginn der 90er Jahre vorgeworfen haben: eine „stinknormale Partei“.
Der Film
Die Entwicklung der Grünen zu einer Partei der Mitte ist eine Geschichte von Anspruch und Wirklichkeit in der deutschen Politik. In keiner Partei ist dieser Spagat zwischen Idealismus und Realpolitik so deutlich geworden wie bei den Grünen, nirgendwo wurde er so heftig, so offen ausgetragen. Aber auch die menschlichen Veränderungen und Spannungen, die politische Macht mit sich bringt und Persönlichkeiten verändert, sind nirgendwo so emotional angesprochen worden wie eben bei den Grünen. Diese widersprüchliche Geschichte möchten wir in unserem Film mit einzelnen Ereignissen, Protagonisten der Gegenwart und Vergangenheit und mit dem großartigen Archivmaterial erzählen. Dabei geht es nicht um Vollständigkeit und auch nicht um eine Chronologie, sondern um zentrale Ereignisse, wegweisende Entscheidungen: Der Beginn in Bonn, die Flügelkämpfe der 90er Jahre, der Hass der „Fundis“ um Jutta Ditfurth auf Führungsfiguren wie Joschka Fischer, der legendäre Kosovo-Sonderparteitag in Bielefeld, der Atomkonsens unter rot-grün - bis hin zu kommenden Ereignissen aus dem laufenden Jahr, in dem sich den Wählern eine etablierte Partei präsentiert, die die Macht kennt und liebt.
Wir wollen erzählen, wie aus Leidenschaft und vielen Illusionen Politik geworden ist – und was dabei auf der Strecke blieb.
Buch / Regie: Annette Zinkant & Birgit Schulz
Kamera: Mathias Prause
Ton: Andrä Klaukien, Daniel Hallmann
Producer/in: Monika Mack, Rolf Bremenkamp
Produzentin: Birgit Schulz
Redaktion: Britta Windhoff (WDR)

